NATO-Gipfel im Blick

NATO-Gipfel im Blick

Marc Rohde // Köln, 8. Juli 2024

Vom 9. bis 11. Juli findet in Washington der Jubiläums-Gipfel der NATO statt. Doch die Staats- und Regierungschef:innen werden deutlich mehr als die Würdigung einer äußerst erfolgreichen gemeinsamen Geschichte auf ihrer Agenda haben. Denn die Herausforderungen für das Verteidigungsbündnis sind vielfältig. Als interne Managementberatung des Verteidigungsressorts schauen wir mit besonderem Interesse auf die Themen, da einige Bezugspunkte zur Gipfel-Agenda bestehen.

Es werden viele Fotos mit Lächeln und freundschaftlichen Gesten in der US-Hauptstadt entstehen. Und dafür gibt es auch gute Gründe: Vor 75 Jahren wurde dort durch den Nordatlantikvertrag die Verteidigungsallianz aus der Taufe gehoben, vor 25 Jahren kamen mit Polen, Tschechien und Ungarn erstmals Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts hinzu, vor 20 Jahren folgten ihnen die baltischen Staaten sowie Bulgarien, Rumänien, die Slowakei und Slowenien. Seit seinem Entstehen ist das Bündnis ein Garant für Sicherheit und Stabilität – durch das Versprechen des gegenseitigen Beistands sowie das Eintreten für gemeinsame Werte.

Gleichzeitig sieht sich die NATO Herausforderungen gegenüber, wie sie seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr bestanden haben. Allem voran dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, aber auch der geopolitischen Entwicklung im pazifischen Raum, damit einhergehende politische Systemkonkurrenzen oder Fragen des inneren Zusammenhalts. Kurz: Das Umfeld hat sich zu einer „BANI“-Welt weiterentwickelt – die Forschung beschreibt so mit den Adjektiven „brüchig“, „besorgt/ängstlich“, „nicht-linear“ und „unbegreiflich“ (brittle, anxious, non-linear, incomprehensible) unsere komplexe Gegenwart, um aus diesen Perspektiven mögliche Handlungsrahmen abzuleiten.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen verstärkten die NATO als Organisation und insbesondere ihre Mitgliedsstaaten in den vergangenen Jahren ihre Verteidigungsanstrengungen, sowohl in politischer, finanzieller und nicht zuletzt auch in materieller sowie prozessualer Hinsicht. Welche Weichen werden hierzu auf dem NATO-Gipfel gestellt? Wie sollen in einem robusten Verteidigungsplan Fähigkeiten und Lasten verteilt werden? Gerade deshalb blicken Fachteams aus der BwConsulting gespannt auf die Diskussionen.

Kriegstüchtige Logistik

So ist zur Stabilisierung und Erhöhung militärischer Fähigkeiten in Deutschland, der EU sowie der NATO eine strategische, langfristige und verlässliche Zusammenarbeit mit der Wirtschaft unerlässlich. Dabei gehen strategische Kooperationen mit der Industrie – als unabdingbarer Partner – über reine Beschaffungen oder Dienstleistungen hinaus. In Friedenszeiten und auch in der Landes- und Bündnisverteidigung stellen beispielsweise die Wartung und Instandsetzung Schwerpunktthemen dar, die personell und materiell nur gemeinschaftlich bewältigt werden können.

 
Um zuverlässig den Auftrag der "Drehscheibe Deutschland" erfüllen, zeitgleich eigene Kräfte schnell an die NATO-Außengrenze verlegen und in der Folge mit stabilen und robusten Lieferketten versorgen zu können, ist die Optimierung der Zusammenarbeit mit gewerblichen logistischen Leistungserbringern für die Bundeswehr eine Schlüsselfähigkeit.

Simon Krapp, Senior Manager bei der BwConsulting

Ebenso ist die Logistik ein solcher Dauerbrenner. Auch sie will die Bundeswehr im Kontext der aktuellen NATO-Verteidigungsplanungen „kriegstüchtig“ gestalten. „Um zuverlässig den Auftrag der ‚Drehscheibe Deutschland‘ erfüllen, zeitgleich eigene Kräfte schnell an die NATO-Außengrenze verlegen und in der Folge mit stabilen und robusten Lieferketten versorgen zu können, ist die Optimierung der Zusammenarbeit mit gewerblichen logistischen Leistungserbringern für die Bundeswehr eine Schlüsselfähigkeit,“ sagt Dr. Simon Krapp, Materialwirtschafts-Experte bei der BwConsulting . „Wir beschäftigen uns daher sowohl in konkreten Projekten als auch in der BwConsulting-internen Grundlagenarbeit damit, die Unterstützung durch die zivile Logistik und die Industrie für denkbare Situationen auf dem Kontinuum von Frieden über Krisen bis hin zur Verteidigung im Krieg resilienter und leistungsstärker zu machen.“

Hierfür blicken Expertenkreise der BwConsulting mit einem integrativen Ansatz sowohl auf die Optimierung des logistischen Systems sowie die der Beschaffung, der Nutzung und der Industrieunterstützung unter Einbeziehung von vielen Akteuren der Bundeswehr - und zunehmend auch von Alliierten, was die Aufmerksamkeit für den Gipfel erklärt.

„Auf der Grundlage von gesammelten Handlungsempfehlungen beraten wir beispielsweise in einem Projekt hinsichtlich konkreter Adaptionsmöglichkeiten in der logistischen Leistungserbringung,“ ergänzt Senior Consultant Miguel, der im Expertenkreis Materialwirtschaft mitwirkt. „Hierfür werden geeignete Maßnahmen für eine resiliente und leistungsfähige Zusammenarbeit mit zivil-gewerblichen Leistungserbringern entwickelt und umgesetzt. Ziel ist es, Fähigkeiten für die Landes- und Bündnisverteidigung im logistischen System der Bundeswehr zu erhöhen.“

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Überblick

Projektgruppe Multinational Railway Transport Services

Die Multinational Railway Transport Services (MRTS)-Projektgruppe ist eine Initiative, die sich mit dem grenzüberschreitenden Schienenverkehr innerhalb der NATO mit Fokus auf Europa beschäftigt. Als BwConsulting bringen wir uns in dieses multinationale Team ein. Die Projektgruppe hat das Ziel, den militärischen Schienenverkehr zwischen den NATO-Mitgliedstaaten zu verbessern und arbeitet daran, effiziente und zuverlässige Transportwege für Truppen und Ausrüstung zu schaffen.

Ein Beispiel für die Arbeit der MRTS-Projektgruppe ist der Musterkorridor für den militärischen Verkehr von Westen nach Osten, den Deutschland, die Niederlande und Polen eingerichtet haben. Dieser Korridor dient als Modell für effiziente Truppenverlegungen innerhalb der NATO.

„Hierfür haben wir zwei Konzepte entworfen: Im ersten Fall übernähme eine Nation im Rahmen des Lead-Nation-Konzepts die Führung und gäbe die entstanden Kosten an die beteiligten Nationen anteilig weiter. Das zweite Konzept sieht einen Dienstleister für die Organisation und Kostenverteilung der benötigten Transportkapazitäten vor. Für die MRTS-Projektgruppe würde beispielsweise die Nato Support and Procurement Agency (NSPA) als eine Art Agentur fungieren und die Fäden in der Hand halten,“ erläutert Jonathan, Consultant bei der BwConsulting und Mitglied im Projektteam. Aktuell würde im Schwerpunkt die Agenturlösung mit der NSPA als Dienstleister verfolgt.

„Der enge Austausch mit den Verteidigungsressorts der anderen Nationen sowie die stabile, produktive Arbeitsbeziehung mit der NSPA sind spannende Aspekte dieses Projekts,“ ergänzt Paul, der als Senior Consultant ebenfalls im Projektteam mitwirkt. „Aktuell werden die Optionen in Abstimmung mit den Nationen weiterentwickelt und auf ihre Umsetzbarkeit und Tragfähigkeit bewertet. Neben der Umsetzbarkeit wird auch die Wirtschaftlichkeit der jeweiligen Optionen untersucht. Ziel ist es, dass wir bis Ende 2024 eine erste binationale Lösung etabliert haben, die wir dann im Folgenden weiterentwickeln und gegebenenfalls auf andere Nationen erweitert können.“ Die erste binationale Lösung wird ein Pilot Projekt zwischen Deutschland, der NSPA und einer weiteren Nation werden. Ziel ist es, über die abgeleiteten Lessons Learned die Arbeit der MRTS Projektgruppe weiter zu verbessern.