

Fotos: Bundeswehr/Oliver Stamm/Jane Schmidt/Anne Weinrich
Marc Rohde // Troisdorf, 12.07.2026
Bundeswehr-Mediziner Oberstarzt Dr. Pascal Becker und Inhouse-Berater Guy Philippe Serf arbeiteten gemeinsam an einem Projekt im Kontext der Gesundheitsversorgung in der Bundeswehr. Dabei identifizierten sie ein Thema, das beide gleichermaßen begeisterte und sie über das Projekt hinaus zusammenwirken ließ: Gemeinsam entwickelten sie Ideen, wie Künstliche Intelligenz für die Gesundheitsversorgung genutzt werden könnte. Diese Impulse mündeten in eine Fachpublikation, die im medizinischen wie auch technischen Bereich Verbreitung fand. Ein gutes Beispiel für die „Langzeitwirkung“ integrierter Projekte.
Zentrales Motiv in ihrem Fachbeitrag ist die Betrachtung der „Patientenreise“ eines fiktiven Soldaten in der Bundeswehr – also von der Musterung über die Versorgung im Grundbetrieb und Einsatz bis hin zum Dienstzeitende. Anhand der verschiedenen Stationen machten Dr. Pascal Becker und Guy Philippe Serf die Nutzbarkeit von KI deutlich.
INFOBOX
Health Information Management System (HIIMS)
In der Bundeswehr befindet sich das Health Information Management System (HIMS) als übergreifende Informations-, Integrations- und Kommunikationsplattform im Aufbau. Es soll Daten, Dokumente und Prozesse systemübergreifend zusammenführen und so eine „Medical Big Data“- Grundlage schaffen. Auf deren Basis könnte KI zu einer noch besseren Versorgung, koordinierteren Abläufen und weiter fundierten Entscheidungen beitragen.
Was war für Sie der Auslöser, sich mit dem Thema KI entlang einer Patientenreise durch die Gesundheitsversorgung der Bundeswehr zu beschäftigen?
Dr. Becker: Wir haben uns im gemeinsamen Projekt intensiv mit Zukunftsfragen der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung beschäftigt. Dabei kommt man am Thema Künstliche Intelligenz schlicht nicht vorbei – weder im zivilen Gesundheitswesen noch in der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr.
Entscheidend war für uns, das Thema nicht als bloßen Hype zu behandeln, sondern systematisch zu fragen: Wo ist KI tatsächlich hilfreich, wo ist sie verantwortbar und wo stiftet sie echten Nutzen? Das bestehende Modell der Patientenreise war dafür ein gutes Raster, weil sie sichtbar macht, an welchen Stellen entlang der Versorgung konkrete Anwendungsmöglichkeiten liegen.
Mit dem HIMS hatten wir zugleich den technischen und organisatorischen Anknüpfungspunkt, um diese Überlegungen nicht lose nebeneinanderzustellen, sondern strukturiert zu analysieren.
Serf: Aus Beratungssicht war das Thema deshalb so spannend, weil sich hier ein Zukunftsthema mit einem sehr konkreten Anwendungsfeld verbindet. Unsere strategischen Methoden helfen, ein Feld zu strukturieren – aber der eigentliche Mehrwert entsteht erst, wenn daraus ein nachvollziehbares Bild wird.
Genau das leistet die Patientenreise: Sie führt vom Abstrakten ins Konkrete. Dadurch wird ein komplexes Thema wie Digitalisierung und KI in der Gesundheitsversorgung so greifbar, dass man nicht nur über Technologie spricht, sondern über konkrete Versorgungsrealitäten.
Wenn Sie den Kern Ihres Fachbeitrags kurz zusammenfassen müssten: Welche zentrale Botschaft sollen Leserinnen und Leser mitnehmen?
Dr. Becker: Das hängt ein Stück weit von der Zielgruppe ab. Für Leserinnen und Leser aus der Bundeswehr ist die Botschaft: Die Gesundheitsversorgung der Bundeswehr hat eigene Anforderungen, deren Erfüllung uns niemand von außen abnehmen wird. Deshalb müssen wir KI genau dort selbst denken und gestalten, wo die Herausforderungen streitkräftespezifisch sind.
Für die zivile Fachwelt lautet die Botschaft zugleich: Auch wir beschäftigen uns intensiv mit diesen Fragen und bringen eigene Perspektiven in die Diskussion ein. Wir wollten HIMS bewusst in den öffentlichen Fachdiskurs einführen, weil es Anknüpfungspunkte zu zivilen Debatten über Datenintegrationszentren und vernetzte Versorgung gibt.
Serf: Gerade die Botschaft in die Bundeswehr hinein ist nach meiner Beobachtung besonders wichtig. Denn ich nehme wahr, dass bei Fachkonferenzen häufig mit Begeisterung geschaut wird, was es auf dem zivilen Markt gibt. Und natürlich gibt es hier Entwicklungen, von denen die Bundeswehr profitieren kann. Ihre eigenen Möglichkeiten, die sich aus ihrem Daten-Ökosystem ergeben, sind in der Bundeswehr über eine kleine Fachcommunity hinaus oft weniger bekannt.
An welchen Stationen dieser Patientenreise ist das Potenzial von KI aus Ihrer Sicht heute schon am greifbarsten – und wo eher noch nicht? Was bräuchte es hierfür?
Dr. Becker: Einerseits gibt es heute KI-Anwendungen in der Gesundheitsversorgung, die konkret greifbar und nutzbar sind. Dazu gehören etwa Bild- und Mustererkennung. Aber solche Anwendungen sind bereits am Markt verfügbar, werden eingekauft und kommen beispielsweise in den Radiologie-Abteilungen der Bundeswehrkrankenhäuser zum Einsatz.
Potenziale schlummern vor allem im avisierten „HIMS-Datenschatz“ der Bundeswehr. Hier könnte KI Muster erkennen und Datenpunkte zusammenführen, die allein aufgrund ihrer Menge für den Menschen nicht mehr sinnvoll zu verarbeiten sind. Das Stichwort lautet hier „Medical Big Data“. Damit könnten Entscheidungen wirkungsvoll unterstützt werden.
Und es geht hier nicht nur um vergleichsweise einfache Anwendungen, etwa Laborwerte, Gewicht und weitere Parameter miteinander abzugleichen, um eine Medikamentendosierung vorzuschlagen. Perspektivisch geht es um deutlich weitergehende Formen der Unterstützung, die tatsächlich in Handlungsketten eingreifen können: Wo werden im Einsatz vermutlich welche Medikamentenmengen benötigt, welche Symptome lassen auf Infektionsrisiken für Truppenkörper schließen und ähnliches.
Serf: Aus strategischer Sicht gilt dabei: Nicht jede denkbare KI-Anwendung ist automatisch sinnvoll. Wichtig ist, die Use Cases zu identifizieren, bei denen der Mehrwert für die Bundeswehr wirklich groß ist – und bei denen nicht andere Akteure ohnehin schon weiter in der Entwicklung sind.
Gerade da die Ressourcen stark begrenzt sind, ist diese Fokussierung entscheidend. Es braucht also nicht nur Technologie, sondern auch Priorisierung und ein klares Verständnis dafür, an welcher Stelle der Patientenreise KI-Tools tatsächlich einen Unterschied macht.
Ihr Beitrag zeigt, dass viele Anforderungen denen des zivilen Gesundheitswesens ähneln, andere aber klar militärspezifisch sind. Wo verläuft aus Ihrer Sicht diese Trennlinie besonders deutlich?
Dr. Becker: Ähnlichkeiten gibt es – wie bereits erwähnt – etwa bei klassischen medizinischen Anwendungen für Diagnostik, Dokumentation oder Teile der sektorenübergreifenden Versorgung. Dort kann die Bundeswehr von zivilen Entwicklungen profitieren.
Streitkräftespezifisch wird es dort, wo die besondere Logik militärischer Versorgung beginnt – vor allem in der Rettungskette, also vom Point of Injury bis zur weiteren Versorgung in den unterschiedlichen Ebenen. Diese Kette, beginnend in Gefechtssituationen und mit besonderen Anforderungen an Führung, Transport, Priorisierung und Versorgungssicherheit, ist mit zivilen Rettungsdiensten nur sehr begrenzt vergleichbar. Gerade an dieser Stelle ist es besonders wichtig, in KI die Chance des Verbindenden zwischen ziviler und militärischer Versorgung zu sehen.
Serf: Denn wenn wir etwa an das Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung denken und die im Raum stehenden Verwundetenzahlen zugrunde legen, wird deutlich: In solchen Lagen muss im Sinne einer Comprehensive Defence das zivile Gesundheitssystem die Bundeswehr unterstützen. Dafür braucht es eine funktionierende zivil-militärische Zusammenarbeit. Verwundete oder verletzte Soldatinnen und Soldaten müssten dann im Heimatland gezielt auch auf zivile Kliniken verteilt werden.
Genau hier liegen potenzielle Einsatzfelder für KI: Etwa dann, wenn Systeme zur Patientensteuerung oder Patientenlenkung in einem Bereich beginnen und anschließend in den anderen übergehen. Dieses Zusammenwirken im Rahmen einer durchgängigen Rettungskette ist entscheidend. Der Mehrwert liegt also nicht in einem Nebeneinander, sondern in einem Miteinander beider Systeme.
Wo hat Ihre Zusammenarbeit den Blick jeweils erweitert? Anders gefragt: Was konnte der eine in die Ideenentwicklung einbringen, was dem anderen allein vielleicht gefehlt hätte?
Serf: Der fachliche Tiefgang kam natürlich von Dr. Becker. Er begleitet die Themen rund um die Gesundheitsversorgung der Bundeswehr und ihre Digitalisierung seit Jahren aus verschiedenen Rollen heraus. Diese Durchdringungstiefe ist die Voraussetzung dafür, solche Inhalte überhaupt sauber einordnen zu können.
Was Beratung beitragen kann, ist der Blick über die Fachlichkeit hinaus: also Struktur, Übersetzung, Greifbarkeit und methodische Rahmung. Die KI-Perspektive entlang des etablierten Modells „Patientenreise“ einzunehmen, ist dafür ein gutes Beispiel. Sie macht aus einem sehr komplexen Themenfeld ein nachvollziehbares Bild. In Verbindung mit den HIMS-Kernfunktionalitäten konnten wir so ein Analyse-Raster entwickeln, das Anwendungsfälle konkret macht.
Dr. Becker: Wovon ich profitiert habe: Gerade wenn man tief in einem Thema steckt, hilft es enorm, einen intellektuellen Sparringspartner zu haben, der Fragen stellt, Perspektiven weitet und vermeintliche Selbstverständlichkeiten infrage stellt. Genau das ist ein echter Mehrwert.
Neben der Methodenkompetenz war für mich besonders wertvoll, dass dadurch der Blick über die unmittelbare Fachlogik hinausging. So konnten wir Themen nicht nur medizinisch und technisch, sondern auch strategisch, organisatorisch und kommunikativ schärfen.

