Der Weisenrat für Cyber-Sicherheit plädierte dafür, die technische Souveränität innerhalb Deutschlands nicht nur zu bewahren, sondern auch zu erhöhen. Ziel für alle Digitalisierungsmaßnahmen müsse es sein, messbare Ziele zu formulieren und dann gemeinschaftlich zu beschließen. Deutschland sei kein Musterschüler in Sachen Digitalisierung, so der Weisenrat, bestehend aus den Professoren
Mathias Hollick, Claudia Eckert, Norbert Pohlmann, Delphine Reinhardt, Angela Sasse und
Matthew Smith. Digitale Infrastrukturen in „smarten“ Städten müssten idealerweise zu jeder Zeit verfügbar sein, vor allem aber verständlich und beherrschbar bleiben - das sei in dieser Form heute in Deutschland noch nicht der Fall. Außerdem müsse der Schutz der Demokratie im Internet verstärkt werden, um Desinformationen erst gar keinen Nährboden zu geben. Es biete sich demnach an, so die Experten, jegliche Problemanalyse für neue technische Lösungen immer unter Berücksichtigung des menschlichen Verhaltens zu entwerfen – bedenke man, dass vom Menschen selbst die größte Gefahr in Sachen Cybersicherheit ausgehe. Daher schlug der Weisenrat vor, insbesondere langlebige Produkte direkt „kryptoagil“, also mit leicht zu verbessernden Verfahren auszustatten und somit die Möglichkeit einer starken Verschlüsselung auf jeweils aktuellen Stand zu garantieren. Sinn würde es ebenfalls machen, die Software von Beginn an unabhängig von bestimmten Verschlüsselungsverfahren zu entwickeln. Während es in jedem Unternehmen Passwortrichtlinien geben sollte, gehöre das erzwungene Ändern von Passwörtern abgeschafft. Alternativ, so die Experten, wäre es zielführender, für kritische Bereiche eine 2-Faktor-Authentisierung einzuführen und die Forschung im Bereich neuer Krypto-Technologien stärker zu fördern. Dasselbe gelte für KI-Technologien: „Sie müssen transparent und zertifizierbar sein. KI ist immerhin bereits allgegenwärtig“, erklärte Prof. Mathias Hollick. „Notwendig ist daher auch hier ein nachvollziehbares Prüf- und Zertifizierungsverfahren. Außerdem erscheine es sinnvoll, wenn die deutsche Politik ihre Förderung in den Forschungsbereich resilienter KI intensivieren würde, denn die Technologie muss sich zunehmend dem Menschen anpassen und nicht der Mensch an die Technologie.“
Dirk Backofen appellierte an die deutsche Wirtschaft, die durch Corona ausgelöste Chance im Bereich der Digitalisierung aktiv zu nutzen. „Cybersecurity und Datensicherheit made in Germany sollten unser Stempel werden - darauf sollten wir hinarbeiten. Aber wir können alles, was wir in den letzten Jahren versäumt haben, nicht in ein paar Jahren wieder aufholen. Da müssen wir realistisch bleiben,“ so der Cyberexperte. „Trotzdem müssen wir Dinge treiben! Das ist eine riesige Herausforderung – aber wir müssen das schaffen, um international mithalten zu können,“ appellierte Backofen an das digitale Publikum. Nur auf diese Weise könne Deutschland wettbewerbsfähig sein und bleiben.
In einer der Breakout-Sessions berichtete
Ulrich Ten Eikelder, Head of Information Security and Awareness bei der Telekom, dass durch Sabotage, Datendiebstahl und Spionage alleine in deutschen Unternehmen im vergangenen Jahr rund 100 Milliarden Euro Schaden entstanden seien. Cyber Angriffe seien erstmals das weltweit größte Sicherheitsrisiko und obwohl Corona gerne als Digitalisierungschance verkauft werde, sei das Virus und die rasante Digitalisierung im Zuge dessen wie „Speed für Hacker“. Der Lockdown im Frühjahr habe die digitale Angriffsfläche massiv vergrößert. Zu lösen sei dieses Problem nur durch eine stärkere Investition in Mitarbeiteraufklärung: Diese Lösung senke das Angriffsrisiko um 46% und sei nach Aussage von Eikelder sinnvoller, als in technische Systemverbesserungen zu investieren. „Unternehmen, die besonders erfolgreich sind, investieren nachgewiesenermaßen mehr in Mitarbeitertrainings und Cybersicherheit. Diese Security Awareness stärkt die Resilienz der Unternehmen,“ so der Sicherheitsfachmann.